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Entwurf: Besuch auf dem Amt

with 6 comments

– Entwurf, zur Diskussion –

Original bei Abghoul Alhazzards; Diskussion (Kommentare) bitte hier auf Your Stories Please.

Die Behörde lag im Schatten des späten Vormittags. Unangemeldete Personen wurden erst am Nachmittag erwartet. Alle hatten auch ohne Besuch genug zu tun, so lagen die Flure leer vor sich hin. Niemand bemerkte das schlurfende Geräusch und den Gestank der sich langsam breitmachte, ausser einer Praktikantin, die ein Fenster öffnete und grimmig des eben noch anwesenden Kollegen gedachte.

Sachbearbeiter R-T hatte die Tür aufgelassen um nur schnell etwas zu kopieren, aber es hatte einen Papierstau gegeben, dann musste neues Papier vom Lager geholt werden und anschliessend gab es noch ein Wortgefecht wer als Erster kopieren durfte. Der üble Geruch in der Luft passte so gut zur allgemeinen Stimmung im Hause, dass er nicht weiter wahrgenommen wurde.

Der Raum lag im halbdunkel, weil der Sachbearbeiter R-T die Rolladen heruntergelassen hatte um vernünftig mit dem antiken Monitor seines Computersystems arbeiten zu können. Er legte die Kopien auf den Schreibtisch und setzte sich in seinen Arbeitsstuhl als ihm der schreckliche Gestank gewahr wurde.

Gerade wollte Sachbearbeiter R-T das Fenster öffnen, da hörte er ein gluckerndes, schlurfendes Geräusch von seinem Gästeplatz kommen. Der Sachbearbeiter erstarrte in der Bewegung und schaute vorsichtig um den Berg von Aktenordnern herum, der sich wegen der akuten Probleme gestapelt hatte. Sachbearbeiter R-T war nicht allein. “Wissen Sie nicht das wir vormittags geschlossen haben?”,grummelte der Sachbearbeiter vor sich hin, während er sich langsam wieder setzte und die Lampe am Schreibtisch anschaltete. “Nur nach Terminabsprache”, hatte der Sachbearbeiter anschliessend sagen wollen, aber als das Licht auf seinen Gast fiel stockte ihm der Atem. Ein verheddertes Gestrüpp bleicher Tentakel aus dem gluckernd und schlurfend eine gallertartige, bräunlich rosafarbene Masse triefte, hatte sich über den Gästesitzplatz ausgebreitet. Vom Schock betäubt beobachtete Sachbearbeiter R-T wie einige Tentakel einen Gegenstand aus dem Gestrüpp hervorholten und auf dem Schreibtisch plazierten. Der kleine metallische Kegel begann blau zu leuchten und die Tentakel fingen an zu pfeifen. Nach einer kurzen Serie von Geräuschen leuchtete der Kegel grün auf und begann zu sprechen: “Sind Sie der Sachbearbeiter R-T?” Es dauerte eine Weile bis der Sachbearbeiter sich genug gefasst hatte, dann antwortete er: “Sachbearbeiter R-T, Zimmer 105 zu ihren Diensten” Nach einem kurzen Pfeifen sprach der Kegel wieder im grünen Leuchten: “Ich möchte Asyl beantragen und ich brauche Sozialhilfe.” Die Routine des Alltags half dem Sachbearbeiter seine Fassung vollends wiederzuerlangen. “So,so, haben sie eine Meldeadresse hier in der Stadt?” sagte der Sachbearbeiter R-T in der stillen Hoffnung diese abscheulich stinkende Angelegenheit an eine andere Behörde abzuleiten. Nach einem etwas längeren Intervall der pfeifenden Tentakel und einem zischendem Geräusch sprach der Kegel in grün: “Ich bin mit meiner Rettungskapsel vor 1,3 Millionen Jahren auf diesem Planeten eingeschlagen. Die meiste Zeit habe ich im Kälte-Tiefschlaf verbracht. Aufgrund von komprimierten elektromagnetischen Schwingungen auf der Erdoberfläche wurde ich wieder erweckt. Leider musste ich feststellen das die Schwingungen nicht von einer Rettungsmannschafft kamen, sondern das sich die menschliche Spezies das Nutzen von Funkintervallen angeeignet hatte. In meiner Rettungskapsel war nicht mehr genug Energie vorhanden um mich wieder in den Kälte-Tiefschlaf zu versetzen, also wurde ich zum stillen Lauscher des Geschehens auf der Erdoberfläche. In den letzten Jahrzehnten wurde es dank der Fernsehübertragungen und des Internets wesentlich unterhaltsamer und bunter. Meine Kapsel liegt drei Kilometer tief unter dieser Stadt begraben und daher denke ich das diese Behörde für meine Angelegenheiten zuständig ist. Mein Name ist ShhShhGh ShShhNhugGh (das zischende Geräusch) und ich möchte Sozialhilfe nach dem SGBII beantragen.”

Während des Monologs hatte der Sachbearbeiter R-T einige Notizen gemacht, diese studierte er noch einen Augenblick bevor er wieder zu seinem Gast aufsah. “Wird ihr Name ungefähr so geschrieben?”, fragte der Sachbearbeiter und zeigte dem Gast seinen Namen auf dem Notizblatt. Ein kurzes Pfeifen dann antwortete der Kegel in grün: “Das ist zutreffend.” “Dann tut es mir leid das ich Ihnen nicht weiterhelfen kann” sagte der Sachbearbeiter R-T,”denn ich bin hier für die Anfangsbuchstaben R und T zuständig. Antragssteller mit dem Anfangsbuchstaben S müssensich zur Sachbearbeiterin S-U begeben, Zimmer 208 im zweiten Stock.”

Das Licht am metallischen Kegel ging aus, die Tentakel schlurften die ausgeflossene Masse vom Linolfussboden und griffen nach dem Kegel. Als das Gewirr von Tentakeln zu Tür rollte gab ihm der Sachbearbeiter R-T noch einen Rat auf den Weg. “Ausserdem ist die Behörde vormittags geschlossen, Sie sollten besser einen Termin machen” riet der Sachbearbeiter dem Tentakelgewirr. Als es die Tür hinter sich geschlossen hatte, zerknüllte der Sachbearbeiter R-T das Notizblatt und warf es in hohem Bogen in den Papierkorb neben der Tür. Dann öffnete er das Fenster und grummelte vor sich hin:”Da könnte ja jeder kommen!”, während er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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Written by kdybyscookbook

Februar 5, 2013 um 10:15

Veröffentlicht in Erste Ausgabe

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6 Antworten

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  1. Vorschläge:

    Der üble Geruch in der Luft passte so gut zu seiner Laune, dass er nicht weiter wahrgenommen wurde
    ändern in:
    Der üble Geruch in der Luft passte so gut zur allgemeinen Stimmung im Hause, dass er nicht weiter wahrgenommen wurde.

    “Wird ihr Name ungefair so geschrieben?”
    ändern in:
    „Wird Ihr Name ungefähr so geschrieben?“

    justrecently

    Februar 5, 2013 at 11:03

    • Vollkommmen in Ordnung. Die Sache mit dem Fernsehen stimmt. Besser passen würde was zur Gleichartigkeit des Programms und der Langeweile die daraus entsteht.
      *****übrigens dafür den küchenpott zum brodeln gebracht zu haben. Bin gespannt was das wird:)

      abghoul

      Februar 5, 2013 at 11:52

  2. Sehr geehrter abghoul,
    hat mir gefallen, möchte aber zu bedenken geben.
    Wenn sich jemand outet, als „Ausländer“ der dazu, auch noch Geld vom Staat will, das ist Wasser auf die Mühlen, der „Rechten und Braunen Ecke“, damit machen Sie, sich angreifbar.
    Reinhard May, hat ein Lied über die Amtsstuben geschrieben (70ziger Jahre), mein Netz ist zu langsam, wollte
    es suchen. Er, hat das damals Allgemein gehalten, also nicht expliziet, diese oder jenes Amt.
    Ich, habe mit dem Denkmal-Amt zu kämpfen, Andere mit anderen Ämtern.
    Wollte nur sagen Amt, kennt jeder. Die Zuspitzung auf das eine Amt, klammert andere Ämter aus.

    Mit freundlichen Grüssen

    Michael

    Michael

    Februar 5, 2013 at 16:41

  3. Lieber Abghoul, ich hatte Dir bereits in der Werkstatt auf Deinen Beitrag geantwortet. Hast die Antwort wahrscheinlich nicht bekommen. Ich finde den Beitrag auch gut, wie meine „Vorkommentatoren“. Ich störe mich nicht daran, dass Du den Fall mit Asyl-Gesuch spezifisch machst. Wäre es nicht möglich, einen konkreten Asylfall parallel heranzuziehen, der nicht in den „künstlerischen Teil“ fällt, sondern mehr als Tatsachenbericht daherkommt, und das Problem des Asyls in Deutschland ankratzt. Ist ja ein äusserst schwieriges Thema, bei dem die Rechten regelmässig ausrasten, aber es gehört in den geschützten Bereich der Menschenrechte, von dem auch Deutsche in der Geschichte millionenfach profitiert haben. Es geht da tatsächlich um das „Lernen aus der Geschichte“, was uns in Deutschland wohl recht schwer fällt. LG, Hermann

    Hermann Gebauer

    Februar 5, 2013 at 17:13

  4. Habe auf elcondore schon gesagt das mir Veränderungen sehr gefallen.
    Das ist eigentlich auch die Idee. Modifiziert den Text nach Lust und Laune, weil eben das getestet werden muss. Ich werde da schon nicht dran verbluten;)
    Also nicht Asyl, sondern Meldebestätigung wird beantragt und das von jemandem der 1,3 Millionen Jahre an dem Ort gewohnt hat. Und Fernsehen ist zu langweilig, deswegen ist er an die Oberfläche gekommen.

    abghoul

    Februar 6, 2013 at 07:19

  5. Ok, ich würde mich den beiden kleinen Korrekturen von JR anschließen und auch Asyl-Gesuch stehen lassen, da wir Deutschen gerade damit unser verdammtes Problem haben, obwohl wir 70 Jahre vorher überall auf der Welt von der Aufnahmebereitschaft anderer Völker profitiert haben. Abghoul, lassen wir Deinen Beitrag so und bringen ihn im Anschluss an den Rundfunk/Medienbeitrag von JR.
    PS: Das ist zumindest mein Vorschlag. LG, Hermann

    Hermann Gebauer

    Februar 22, 2013 at 20:18


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